Gewaltfreie Kommunikation durch Introspektion und innere Dialoge

Gewaltfreie Kommunikation durch Introspektion und innere Dialoge

Gewaltfreie Kommunikation – intrapersonal

Gewaltfreie Kommunikation (Nonviolent Communication) heißt ein Konzept des amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg. Das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation wurde für die Interaktion zwischen Individuen entwickelt (interpersonal, also zwischen Personen). Bei der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg liegt der Fokus auf den Anliegen und Bedürfnissen von Menschen, die in Konflikte geraten. Durch sorgfältiges, beim Ich bleibendes Beschreiben von Tatsachen und Aussprechen von Gefühlen sowie achtungsvolles Hören kann es möglich sein, aus Eskalationsmustern auszusteigen. 

Die Bedürfnisse anderer wahrnehmen hören

Einer der Ansätze bei Gewaltfreier Kommunikation nach Rosenbergs Konzept ist es, die persönlichen Bedürfnisse des Gegenübers überhaupt erst einmal erkennen zu können.

Typischerweise eskalieren Konflikte (lat. confligere, zusammenschlagen) dadurch, dass ein Gesprächspartner in seinen Bedürfnissen nicht gehört wird. Es fehlt oft das Vokabular, um mit sanftem Nachdruck und mit Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen, was sich ein Mensch von Herzen wünscht. Marshall B. Rosenberg hat große Verdienste darum erworben, Menschen in ihren Anliegen in Verbindung miteinander zu bringen. Dies ist jedoch nur ein Teil menschlicher Kommunikation.

Gewaltfreie Kommunikation, wie sie bisher praktiziert wird, bezieht sich auf den interpersonellen Informationsaustausch, also das zwischenmenschliche Spiel von Gestik, Mimik, verbalen Äußerungen und Empathie. Eine zentrale Ebene der Kommunikation wurde beim Konzept der Gewaltfreien Kommunikation bislang nicht beleuchtet. Im Vorfeld einer jeden zwischenmenschlichen Kommunikation ist entscheidend, dass auf der intrapersonalen Ebene Friedensverhandlungen geführt und ein stabiler Friede aufgebaut wird.

Was heißt Gewaltfreie Kommunikation auf intrapersonaler Ebene?

Intrapersonal nennt man in der Psychologie solche Phänomene in der Kommunikation, die innerhalb einer Person ablaufen. Die Rede ist von der Kommunikation zwischen den inneren Anteilen des Menschen. Gemeint sind nicht nur innere Dialoge, wie wir sie in Form von Selbstgesprächen kennen. Es geht auch um den Austausch zwischen den Persönlichkeitsanteilen, auch um Dominanz.

„Während eine Seite von mir X will, ist eine andere Seite von mir darauf bedacht, X nur in einem bestimmtem Maß zuzulassen.“ Oder: „Während eine innere Seite voller Sehnsucht nach Y ist, lehnte eine andere innere Seite es bisher ab, weil hier Wertvorstellungen aus einem anderen Kontext im Weg standen.“ Es kann zu heftigen inneren Auseinandersetzungen kommen, die sich im (nicht seltenen) ungünstigen Fall in selbstschädigendem Verhalten entladen können. Exzessive Anstrengungen (Workoholic) oder die Selbstmedikation mit Sedativa wie Alkohol und anderen Substanzen können speziell auftreten, wenn innere Anspannungen nicht zu lösen sind. Double-Bind-Situationen zählen dazu.

Durch Introspektion zu intrapersonal verletzungsfreier Kommunikation

Die Introspektion ist eine der Grundvoraussetzungen für den Aufbau einer sich selbst wertschätzenden, intrapersonal verletzungsfreien Kommunikation. Introspektion beschreibt Vorgänge des Sehens nach innen. Ein Mensch beobachtet sich beim Denken – und beim Fühlen. Eine Bewertung wird hier nicht vorgenommen.

Im Moment der Bewertung tauchen unweigerlich Parameter auf, die in Verbindung mit Machtkonzepten und Hierarchien stehen können:

  • Mein Standpunkt ist besser als deiner.
  • Meine Meinung zählt mehr.
  • Ich habe eine deutlich größere Lebenserfahrung als du.
  • Im Gegensatz zu dir habe ich wenigstens diese Werte.
  • In meinem Wertesystem existiert wenigstens noch X.

Beispiel für Introspektion bei einer erlebten Kränkung

Jemand erfährt davon, dass ein Geschenk, das er mit Bedacht ausgesucht und mit Liebe gegeben hatte, auf einer Plattform für Kleinanzeigen verkauft wurde. Statt den Verkäufer einer schlechten Tat zu beschuldigen, wendet sich der Mensch sich selbst emphatisch zu und beschreibt sich gegenüber die Sache so: „Ein nahestehender Mensch hat ein Geschenk verkauft, das ich ihm gemacht hatte. Ich fühle mich im Moment sehr gekränkt, traurig, weil ich den Eindruck habe, hintergangen worden zu sein. Ich teile dem Menschen mit, dass ich den Wunsch habe, dass er Geschenke annimmt und sich an ihnen erfreut, zumal dann, wenn sie einen dauerhaften Nutzwert haben, etwa ein Werkzeug.“

Was ist hier passiert?

Bedürfnisse und Gefühle bekommen ihren Platz. Die Person hat den Vorgang (Geschenk wurde verkauft) sachlich und neutral beschrieben. Danach hat die Person ihre Gefühle beschrieben. Und sie hat für sich formuliert, wie sie es in Zukunft gehandhabt wissen möchte, sollte sie der Person noch einmal ein Geschenk machen. Das kann schon zu einer erheblichen Beruhigung und Besänftigung innerhalb der Person führen. In der Folge ist dies

Das ist ein Beispiel für innere gewaltfreie Kommunikation. Sie hat den großen Vorteil, dass der Mensch, der eine Kränkung erlebt hat, diese als solche wahrnimmt, vor allem seine Gefühle beschreibt. Ohne diesen Vorgang würde der Mensch womöglich in Zorn ausbrechen und die Person, die sein Geschenk verkauft hat, in einen Streit verwickeln, Vorwürfe machen und Bewertungen anstellen.

Weder würde das Geschenk vom Käufer zurückgebracht und die Hände des Beschenkten zurückgegeben werden, noch wäre sonst etwas damit gewonnen.

Giraffensprache und Wolfssprache

Marshall B. Rosenberg demonstrierte die Gewaltfreie Kommunikation mit zwei Handpuppen. Die eine Handpuppe war eine Giraffe, die andere ein Wolf. So ließ Rosenberg die beiden Handpuppen einige Dialoge führen und kommentierte diese.

Was ist Giraffensprache bei Rosenberg?

Die Giraffensprache stand im Konzept der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg für die friedfertige, unaufgeregte Wortwahl.

Was ist Wolfssprache im Konzept von Rosenberg?

Mit Wolfssprache meinte Marshall B. Rosenberg solche Sprachmuster, die in Verbindung mit Anklage, Verhör und Forderung steht. Sobald die Wolfssprache hörbar wird, ist bereits einiges an innerer Eskalation passiert.

Ein Mensch, der z. B. Schmerz oder Verlangen verspürt und dies reflexartig in Verbindung mit dem Verhalten oder Versagen einer anderen Person in Verbindung bringt, ist in diesem Moment außer sich – und kaum bzw. nicht in der Lage, seine Situation angemessen zu klären.

An dieser Stelle – in der Vorphase zur Wolfssprache, kann das stattfinden, was ich als Intrapersonal verletzungsfreie Kommunikation bezeichne.

Empathie ist (auch) Übungssache

Empathie (aus dem Griechischen, wörtlich übersetzt: die Fähigkeit, das Leid eines anderen nachzuvollziehen), ist dem Menschen nicht in vollem Umfang in die Wiege gelegt. Stets spielt in sozialen Systemen die jeweilige Sozialisierung eine große Rolle. Wer in eine kämpferische Kultur hineingeboren wird, entwickelt ein anderes Maß an Empathie als ein Klosterschüler.

Ein aktuelle Mangel an Empathie jedoch ist kein Schicksal. Lediglich eine Beschreibung zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Ein jeder Konfliktlösungsprozess beginnt damit, in sich selbst und das Gegenüber hineinzuspüren. Es geht darum, Kommunikationsfallen (Warum-Fragen, Vorwürfe, schnelle Schlussfolgerungen usw.) zu erkennen.

So erkennen Sie Kommunikationsfallen

  • Lernen Sie, Denkimpulse und innere Gesprächsmuster schon in ihrem Entstehen zu erkennen. Spüren Sie in sich hinein, wenn mit Ihnen „der Gaul durchgehen will“ oder wenn Sie „an die Decke gehen“ könnten. Bleiben Sie dann bei sich. Sagen Sie sich: Das sind meine Gefühle, und sie sind momentan deutlich zu spüren. Sie haben mit mir und meinen Bedürfnissen zu tun. Ich will dafür sorgen, dass ich einen Weg finde, meine Anliegen erfüllt zu bekommen. Mit Wertschätzung und in adäquater Form.
  • Werden Sie von Tag zu Tag besser darin, die mit Kommunikationsfallen verbundenen Gefühle wahrzunehmen. Ohne sie zu bewerten.
  • Wenn Sie sich bei Versuchen des Schuldnachweisens erleben, lenken Sie ein, bleiben Sie ruhig. Wenden Sie sich selbst zu und seien Sie freundlich zu sich.

Der große Sozialisierungsirrtum

Viele Menschen lernen zwar bzw. hören, dass sie sich respektvoll anderen gegenüber verhalten sollen. Sie sollen hilfsbereit sein und nicht zuviel fordern. Sie sollen sich angewöhnen, sich zu bedanken, wenn ihnen Gutes widerfährt.

Alle diese und diesen ähnliche Wertformulierungen beziehen sich auf ein Gegenüber, das sich als Nachbar, Mitmensch, Kollege oder Kollektiv (Gesellschaft) darstellen kann. Wir lernen im Kindergarten und in der Schule kaum, unsere eigenen Gefühle als Wertobjekte zu verstehen und ihnen einen Platz in der Welt zu geben.

Bedürfnisse und Gefühle werden unterdrückt, um Konflikte zu vermeiden

Oft unterdrücken Menschen ihre Anliegen, ordnen sie als nicht wichtig ein. Allein, um sich nicht einer Abweisung ausgesetzt zu sehen. Doch das Unterdrücken von Anliegen und Gefühlen führt gerade zu in die Konflikte hinein. Irgendwann macht der eine den anderen dafür verantwortlich, dass die eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Irgendwann laufen die Mechanismen des Schuldzuweisens. Hier haben wir es mit einer Frontenbildung zu tun, die in einen Frontenkrieg münden kann.

Empathie mit mir und Wertschätzung für mich – von mir

Empathie und Wertschätzung sind Phänomene, die in uns den Ursprung haben. Nur wenn ich meine eigenen Gefühle spüre und als die meinen einordnen kann, bin ich in der Lage, die Gefühlsäußerungen eines anderen Menschen zu lesen – und in ihnen keinen Angriff auf mich zu sehen.

Alle Nächstenliebe beginnt bei mir selbst, s. das christliche Gebot der Nächstenliebe: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Ohne die Selbstliebe kann es keine Nächstenliebe geben. Deshalb muss dem Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation auf der interpersonellen Ebene die intrapersonale Ebene vorgelagert sein.

Loyal und verpflichtet: zuerst gegenüber mir selbst

Loyal verpflichtet – im Double Bind?

Loyal verpflichtet – zudem im Double Bind gefangen?

Sympathie und Empathie haben mit Bindung zu tun. Bindung kann aus Zuneigung entstehen – oder an implizite wie explizite Verpflichtungen geknüpft sein. Das Phänomen der Parentifizierung und die Überverantwortlichkeit führen zu einer Selbstüberforderung. Aus dem Ruder gelaufene Empathie kann sich in einer Doppelbindung äußern.

Ich fühle zwar irgendwo, dass ich etwas für mich tun sollte. Aber ich stelle die Bedürfnisse eines anderen Menschen über meine Anliegen. 

In der Vermeidung von Gefühlen und Anliegen liegt viel Konfliktstoff.

Sich selbst ein guter Gesprächspartner werden

Hand aufs Herz: Wie sind Sie heute bis jetzt mit sich umgegangen? Waren Sie mit etwas unzufrieden? Wie haben Sie es sich selbst gegenüber dargestellt? Haben Sie sich einen Vorwurf gemacht? Oder haben Sie mit Wertschätzung ein Anliegen formuliert?

Meine Einladung an Sie: Lernen Sie Gewaltfreie Kommunikation für sich selbst. Für ihre innere Dialogkultur. Das hat deutliche Auswirkungen auf das, was im Außen abläuft, im Dialog mit Ihren Mitmenschen.

Gewaltfreie Kommunikation lernen – auf intrapersonaler Ebene

In folgenden Situationen kann dieses Angebot für Sie interessant sein:

  • Machen Sie den Test: Stellen Sie sich vor, Sie würden mit sich selbst eine Beziehung aufbauen, die von Respekt und Wertschätzung geprägt ist. Respekt und Wertschätzung für sich selbst. Fühlt sich das gut an?
  • Sie fühlen sich bisher von anderen oft vernachlässigt oder gönnen sich selbst nichts?,
  • Sie haben öfter den Eindruck, Sie würden zu kurz kommen, man würde Sie übervorteilen?
  • Sie können Anerkennung bis jetzt nicht gut annehmen, trauen der Sache nicht, wenn jemand Sie lobt?
  • Sie gehen mit sich ins Gericht, wenn Ihnen etwas nicht sofort gelingt?
  • Es fällt Ihnen bislang schwer, Grenzen zu ziehen und für Ihre Anliegen einzutreten?
  • Sie haben es schon öfter erlebt, dass Sie in erbarmungsloser Weise mit sich umgegangen sind und Dauerhöchstleistungen von sich verlangten? So etwas kann irgendwann in ein Burnout-Syndrom führen.

Wenn Sie bei einer oder mehreren der Fragen eine Zustimmung verspüren, könnte es sein, dass Gewaltfreie Kommunikation mit sich selbst eine interessante Erfahrung mit einer echten Aufwertung der Lebensqualität wäre.

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