Seifenblasen vor Baumgruppe – Unterschiedsbildung

Seifenblasen vor Baumgruppe – Unterschiedsbildung gegenüber bekannten Ansichten

Unterschiedsbildung und die Frage, warum Unterschiede erstens für die Wahrnehmung entscheidend sind und welchen Einfluss sie auf Systeme haben

Unterschiedsbildung ist eine zentrale Aufgabe im systemischen und hypnosystemischen Denken. Unterschiedsbildungen sind im Zentrum der Arbeit von Familientherapie, Supervision, Mediation und Einzelberatung. Außenpositionen und Metaperspektiven führen zu Unterschiedlichkeiten bei der Sicht auf die Dinge, die Prozesse, die Systeme. Unterschiede (Ein Unterschied, der einen Unterschied macht, Fritz B. Simon) führen dazu, dass in einem bekannt wirkenden System etwas auffallend wird – und anders wirkt. Das Gehirn wechselt von Autopilot in den Aufmerksamkeitsmodus.

In diesem Artikel passiert Unterschiedsbildung in Form einer Geschichte mit zwei Verläufen:

  • In der ersten Version wäre alles so gelaufen, wie es auf den ersten Blick plausibel schien. Mit ungünstigem Ausgang.
  • Der Unterschied kommt in der zweiten Geschichte.

Eine Krankheitsgeschichte

In dieser Geschichte, die sich mit anderen Personen hundertfach in echt abspielen kann, definieren viele Personen ein Problem. Keiner wagt eine Unterschiedsbildung.

  • Ein Student wird von seinen Mitmenschen als depressiv beschrieben.
  • Er geht auch selbst von einer Erkrankung aus.
  • Der junge Mann wird zum Arzt geschickt.
  • Der Arzt verschreibt ein Antidepressivum und Ruhe.
  • Der Student nimmt die Tabletten und ist ruhig.
  • Alle warten ab, ob sich der Zustand des Studenten bessert.
  • Der Gesundheitszustand bessert sich nicht; der junge Mann bricht sein Studium aus Gesundheitsgründen ab.
  • Er wohnt weiter im elterlichen Haus, und die Eltern kümmern sich aufopfernd um den Depressiven.
  • Man vermutet eine Botenstoffwechselstörung im Gehirn des Patienten.
  • Die ärztliche Prognose ist ungünstig.
  • Der Patient erhält Antidepressiva.

Auch möglich: eine Gesundheitsgeschichte

Dieselben Voraussetzungen wie bei der Krankheitsgeschichte. Jetzt systemisch betrachtet. Hier kommt es zur Unterschiedsbildung.

  • Jemand wird von seinen Mitmenschen als depressiv beschrieben: derselbe Student wie oben.
  • Er entscheidet sich für eine systemische Therapie.
  • In der ersten Sitzung werden die Eltern des Studenten, bei denen dieser noch lebt, für die zweite Sitzung eingeladen.
  • Sie erscheinen zur Beratung.
  • Hier kommt es zum Unterschied zur obigen Geschichte.
  • Bei der Befragung aller Anwesenden und im Laufe von weiteren zwei Sitzungen stellt sich heraus, dass der Student keine Depression „hat“, so wie jemand ein Paddelboot haben kann oder eine Briefmarkensammlung.
  • Es wird erkennbar, dass ein innerer Anteil des Studenten unbewusst einen Zustand von Starre und Handlungsunfähigkeit gewählt hatte.
  • Auf der bewussten Ebene erschien es ihm unmöglich, seinen Eltern zu sagen, dass er trotz ihrer großen, auch finanziellen und betonten Anstrengungen, ihm unter dem Dach des elterlichen Hauses eine Studentenwohnung einzurichten und ihm damit den Weg zum juristischen Staatsexamen zu ebnen, nicht – wie elterlicherseits erwünscht – Jura studieren möchte, sondern Kunst.
  • Der Student hatte massive Schuldgefühle, weil er sich für undankbar hielt, wann immer sich ihm sein Wunsch nach dem Kunststudium zeigte.
  • In der kurzen systemischen Familientherapie wird es ihm möglich, den Eltern seine Entscheidung ohne Schuldgefühle mitzuteilen.
  • Er bricht das Jurastudium ab und nimmt in einer 300 km entfernten Stadt sein Kunststudium auf.
  • Die Eltern vermieten die Wohnung unter dem Dach.
  • Wie die Geschichte weitergeht, wissen wir nicht.
  • Hier wird kein Happy-End dargestellt, sondern ein Unterschied.

In der Beschreibung liegt der Unterschied

Wie im Verlauf der ersten Version der Geschichte oder so ähnlich tragen sich viele Lebensgeschichten zu.

Alle scheinen alles richtig zu machen, auch in der ersten Version der Geschichte.

In der systemischen Therapie geht es darum, von außen, aus einer Metaperspektive heraus, eine Gemeinschaft, ein System zu betrachten, zu befragen und sich anzusehen, wessen Verhalten auf wen im System wann welche Auswirkungen hat. Die Dynamik von Wechselwirkungen kann zu einer von den Systembeteiligten scheinbar schlüssig interpretierten Logik führen.

Die oben beschriebenen Eltern können sich und ihrem Sohn im ersten Geschichtsverlauf sagen: „Wie gut, dass wir die Wohnung oben eingerichtet haben, somit können wir dich jetzt betreuen.“ Von innen, innerfamiliär betrachtet wirkt dies schlüssig. Würde man die Nachbarn befragen oder Freunde des Studenten, würden die Antworten vermutlich anders ausfallen.

Systemisch und somit von außen wie von oben betrachtet ist eine monokausale Ursache-Wirkungsbeschreibung natürlich nur der Versuch, einen Sinn zu konstruieren. „Unser Sohn ist depressiv und braucht daher uns und seine Antidepressiva.“

Wenn die verborgene Dynamik, im obigen Fall eine Zwickmühlensituation aus Loyalitätsbindungen und Parentisierung – der Sohn soll durch Studium und Anwesenheit zu Hause den Lebenstraum der Eltern umsetzen und für deren Behütungsbestrebungen eine Projektionsfläche bieten – offenbar wird, werden auch Schritte aus dem Dilemma sichtbar.

Warum und wofür Unterschiede bilden?

Die Differenz im Sinne der soziologischen Systemtheorie. Niklas Luhmann.

Eine Differenz, also das, was nach Abzug von Gemeinsamkeiten bleibt, ist das Trennende, das Differenzierende. Niklas Luhmann unterscheidet ein System von einem anderen bzw. von dessen Umwelt.

Luhmann unterscheidet zwischen Erwartungen und Entscheidungen

Ein System aus Teammitgliedern entwickelt Erwartungen an die Systemmitglieder und kann innerhalb des Systems Entscheidungen treffen – oder treffen lassen.

  • Je nach System verbinden sich mit dem einzelnen Systemmitglied verschiedene Erwartungen.
  • Entscheidungen in einem System, die das System betreffen, erfolgen unter Bezugnahme auf und in Abhängigkeit von den Systemerwartungen.