Resilienz ist gut – aber nicht alles, was wie Resilienz aussieht, ist auch gesund

Viele Manager verwechseln Resilienz mit Durchhalteparolen. Das zahlt sich auf die Dauer für niemand aus. Nicht für das Unternehmen, nicht für die Familie und nicht für die eigene Gesundheit. Lesen Sie hier, warum es wichtig ist, bei Resilienz genau hinzusehen.

Dieser Text ist ein Auszug aus „Burnout-Prävention und -Intervention im Marketing“ – erschienen bei Springer Gabler.

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Stahl ist resilientes Material

Stahl ist resilientes Material – Menschen müssen mehr beachten als Statiker beim Bau von Brücken

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Was ist Resilienz?

Erklärungen zur Resilienz gibt es viele. Alle sind auf ein Grundmodell zurückzuführen: Der Begriff Resilienz stammt aus der Werkstofflehre. Er beschreibt im Sinne seines lateinischen Ursprungs resilire (zurückspringen) die Eigenschaft eines Werkstoffes, von alleine die ursprüngliche Form wiedereinzunehmen. Ein natürlicher Rohstoff, der Resilienz aufweist, ist beispielsweise der Bambus.

So populär der Begriff Resilienz auch ist: Bei der Übertragung des Werkstofbegriffes Resilienz auf die Psyche des Menschen ist – wie bei vielen Entlehnungen

Ein auf triviale Weise auf den Menschen angewandtes Resilienzkonzept im Sinne von „Was uns nicht um- bringt, macht uns hart“ ist eine unzulässige Verdinglichung des Menschen, wie sie sich auch in dem Begriff „Human Resources“ andeutet.

Wie keiner zweimal in denselben Fluss steigen kann, wird auch niemand nach einer erheblichen Belastungssituation dieselbe Person sein. Das würde schließlich bedeuten, die Person hätte diese Belastung zwar erlebt bzw. erlitten, aber keine Lehre aus ihr gezogen und auch keine Narbe behalten.

Roboter-Resilienz

Ein Roboter kann im Sinne der Werkstofflehre resilient sein. Stößt er beim Verrichten programmierter Wege und Arbeitsschritte gegen ein Hindernis, verformt sich seine entsprechend gestaltete Außenhülle elastisch und nimmt nach dem Kontakt mit dem Hindernis die Ursprungsform wieder ein. Im Laborversuch könnte man den Roboter tausende Male gegen dasselbe Hindernis stoßen lassen; eine Erfahrung würde er dennoch nicht machen. Er würde – denn mit Künstlicher Intelligenz – nichts aus seinen Kollisionen mit Hindernissen lernen können, weil ihm dazu die Fähigkeit zur Einsicht (von intellegere, einsehen) fehlt. Auch ein Gummi- ball, den Sie kneten, verhält sich den Gesetzen der Resilienz entsprechend. Genau dieses Verfahren ist es, was die Übertragung der Resilienz auf den Menschen zur Höchstleistungsfalle werden lässt. Das generalisierte Stehaufmännchenprinzip ist die Blaupause für das Burnout-Syndrom. Da die Werkstoffresilienz bei totem Ma- terial zu beobachten ist, kann sie sinnvollerweise höchstens bis zur Ebene der Reflexe auf den Menschen übertragen werden. Wo Menschen leben, muss die natürliche Intelligenz befragt werden.

Resilienz nur in Verbindung mit Intelligenz und Gefühl

Auch der Begriff Intelligenz ist auf die alten Römer zurückzuführen. Von ihnen erfahren wir, dass Intelligenz keineswegs nur Einsichtsfähigkeit im Sinne von Klugheit bedeutet.

Als Übersetzungen von lateinisch intellegere sind bekannt: empfinden, erkennen, bemerken, einsehen, begreifen, verstehen, wahrnehmen. Überwiegend sind das physische Begriffe. Ein glücklicher Umstand, weil uns das vom Phan- tasma eines Intellekts wegführt, der auf der rationalen, also der Vernunftebene die Dinge zu sehen meint, „wie die Dinge wirklich sind“ und sie zu verändern wünscht, wie sie zu sein hätten. Auf einer derart trivialen Ebene der Definition von Intelligenz macht sie sich zum Helfershelfer für An-Aus-Zustandsbe- schreibungen:
Erfolg an, Misserfolg aus. Harmonie an, Streit aus. Klarheit an, Unsicherheit aus. Diese An-Aus- bzw. Entweder-Oder-Logik führt in Erschöpfungszustände und Deprimiertheit, weil nichts von dem so zu haben ist. Erst die Ambivalenz öffnet die Türen zu Veränderungen.

Resilienz kann und sollte mit Blick auf das Salutogenesekonzept heißen: mit Gefühl

Sie sollten sich sagen können:

„Ich fühle, also bin ich, und ich fühle Sicherheit auch bei Anwesenheit von Unsicher- heiten im Leben. Ich verstehe, welche Faktoren ich jederzeit nutzen kann, um mein Befinden in Sekundenschnelle hilfreich zu beeinflussen. Ich habe gelernt, diese Faktoren schon dann zu nutzen, wenn sich eine schwierige Situation anbahnt. Möglich ist das, indem ich diese Faktoren, dazu zählen Ressourcen, die Besinnung auf meine Stärken, meinen Selbstschutz, meine Körperkoordination, wie ein Werkzeug an einem Gürtel an mir trage. Alles ist immer verfügbar, sobald es zum Erhalt und der Wiederherstellung meiner Gesundheit nötig ist. Zur Verdeutlichung kann ich mir vorstellen, dass z. B. meine Ressourcen und Stärken vorne am Gürtel sind und somit für alle schon weithin sichtbar, in Form von Gelassenheit und Selbstvertrauen. Mein Selbstschutz befindet sich hinter mir und stärkt mir den Rücken. Meine Körperkoordination läuft an meinem Survival-Gürtel rundherum.“

5 Fakten zu Resilienz

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